Liebe DMG-Mitglieder,
Im Frühjahr 2024 hatte ich mich in einem GMit-Artikel (GMIT 95, S. 49, https://doi.org/10.23689/fidgeo-5995) mit der Frage beschäftigt, inwiefern die Wissenschaft und die Wissenschaftler*innen vom Aufstieg antidemokratischer Parteien und Systeme betroffen sind, und hatte daraufhin auch nach der möglicherweise aktiven Rolle gefragt, die die DMG und ihre leitenden Mitglieder im Nationalsozialismus gespielt haben. Die DMG hat ihre Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nie aufgearbeitet, hält andererseits aber das Andenken seiner Ehrenmitglieder aus jener Zeit ungeprüft hoch, ja vergibt sogar nach ihnen benannte wissenschaftliche Preise. Vorstand und Beirat diskutierten diesen Umstand auf ihrer Sitzung in Bad Honnef im Februar 2024 und entschlossen sich einstimmig dazu, die DMG-Geschichte von unabhängigen Historikern nach objektiven Maßstäben professionell aufarbeiten zu lassen.
Im Laufe des Jahres 2024 konsultierten Frank Schilling, Horst Marschall und Klaus-Dieter Grevel in wechselnden Konstellationen verschiedene Historiker*innen aus Berlin und Karlsruhe, um auszuloten wie eine professionelle historische Aufarbeitung durchzuführen sei. Hierbei kristallisierten sich sehr schnell zwei Erkenntnisse heraus: erstens muss die Aufarbeitung dringend von außerhalb, von einer neutralen Stelle, durchgeführt werden, wobei die DMG lediglich den zu untersuchenden Zeitraum und den Umfang der Studie vorgeben sollte, aber keinen Einfluss auf Forschungsinhalte nehmen darf; zweitens bedarf es finanzieller Mittel, mindestens im Umfang einer ein- bis zweijährigen Wissenschaftler-Vollzeitstelle, um die Untersuchung tatsächlich durchführen lassen zu können. Üblicherweise führen Historiker*innen solche Untersuchungen als zeitlich befristete Projekte aus, die zwar über einen Arbeitsvertrag an einer Universität laufen können, aber dennoch durch Drittmittel finanziert werden müssen. Andere Historiker*innen haben sich selbständig gemacht und nehmen solche Projekte in Form von Auftragsforschung an.
Die Frage nach der Finanzierung des Projektes beschäftigte Vorstand, Beirat und die Mitgliederversammlung in Dublin und es wurden Vorschläge wie Crowd-Funding mit einem Spendenaufruf und die Anfrage an Stiftungen erörtert sowie die Möglichkeit einen Forschungsantrag an die DFG zu stellen. Bei der Frage nach geeigneten Fachleuten aus dem Bereich der Geschichtswissenschaften trat der Vorstand in engeren Kontakt mit Historiker*innen aus Berlin (Museum für Naturkunde, MfN und der Humboldt-Universität, HU), die von sich aus ein großes Interesse, nicht nur an der Rolle der Wissenschaft insgesamt im Nationalsozialismus zeigten, sondern auch speziell an der Mineralogie und ihrer Akteure. Hierbei kam zum Beispiel auch zum Tragen, dass Paul Ramdohr, DMG-Vorsitzender von 1934 bis 1950, Professor für Mineralogie und Geologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen HU) und Direktor des mineralogischen Instituts, einer Vorgängerinstitution des MfN war. Frau Dr. Angela Strauß (Historikerin am MfN) hatte uns nach Erscheinen des besagten GMIT-Artikels angeschrieben und ihr Interesse bekundet, uns bei der Aufarbeitung der Geschichte der DMG während des dritten Reichs zu unterstützen. Es kam im Laufe von 2024/25 zu mehreren persönlichen und virtuellen Treffen zwischen Angela Strauß, dem engeren DMG-Vorstand und weiteren Historikern.
Anfang September 2025 organisierte Angela Strauß gemeinsam mit Prof. Martin Lutz (Historiker an der Universität Bielefeld) und Dr. Vivian Yurdakul (Historiker an der Universität Stuttgart) eine kleine zweitägige Tagung an der Universität Bielefeld mit dem Titel „Mineralogie und Macht“, an der wiederum der engere DMG-Vorstand, die Organisator*innen und etwa ein Dutzend weiterer Historiker*innen teilnahmen. Der Workshop untersuchte die Rolle von Mineralogen und der Mineralogie im nationalsozialistischen Deutschland. Er beleuchtete Biographien und Akteursgruppen etwa von 1914 bis 1950, betrachtete die politischen Bedingungen ihrer Forschung und reflektierte ihr Handeln im Kontext von Expansionspolitik und Kriegswirtschaft. Es wurde beleuchtet, wie die politische Agenda des Regimes die mineralogische Forschung und Praxis direkt und indirekt beeinflusste und welche wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und ethischen Folgen dieser Einfluss für die Wissenschaft und Gesellschaft hatten.
Konkret stellte Klaus-Dieter Grevel zunächst die DMG und ihr geplantes Projekt vor und dankte den anwesenden Historiker*innen für ihr Engagement und ihr Interesse. Dann gab es eine Serie von Vorträgen der Historiker*innen, eingebettet in eine gut strukturierte Moderation und anregende Diskussionen zu Fragen der Rohstoffexploration, der angewandten Mineralogie (z. B. Quarzsynthese), der Rolle der staatlichen Ämter, Forschungseinrichtungen und Institute an den Universitäten im totalitären Staat. Hierbei lernten vor allem die anwesenden Mineralogen – Marschall, Grevel und Schilling – viel über die Arbeitsmethoden und Ansätze der Historiker, die Schwierigkeiten bei der Interpretation (lückenhafter) schriftlicher Originalquellen im historischen Kontext und die Vielschichtigkeit der Beurteilung der Schuld möglicher Täter, die selten eindeutig ist, sondern bei der sich die meisten Personen auf einem Kontinuum zwischen Mitläufer, Opportunist und tatsächlichem Akteur unterschiedlichen Grades befinden.
Auch lernten wir von Prof. em. Rüdiger Hachtmann (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) über die Ressourcenverschiebung, die unter den Nazis stattfand. So wurden die Wissenschaften nicht durchgehend beschädigt und bekämpft, sondern es kam sogar zur signifikanten Stärkung einiger Disziplinen und Forschungseinrichtungen. Ressourcenverschiebung gab es demnach weg von den Kultur- und Geisteswissenschaften hin zu den Ingenieur- und Naturwissenschaften, von den Universitäten hin zu Technischen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen und hin zu industrieller Forschung. Die Mineralogie profitierte in dieser Zeit tatsächlich vielerorts von ihrer – für die Ausrichtung des Reiches auf den Krieg – relevanten Expertise und wurde stärker gefördert als je zuvor.
Bei Themen wie der Übernahme der politischen Kontrolle über die Universitäten durch einen totalitären Staat, der Frage nach der Rolle der Rohstoff-Verfügbarkeit bei der Kriegsplanung oder dem Schutz der Autarkie des Binnenmarktes durch Zölle und Subventionen war es unmöglich, die Aktualität der Diskussion in Bezug auf die gegenwärtige Weltlage zu verkennen. So konnte sich keiner so ganz des mulmigen Gefühls entledigen bei Fragen wie, „wie hätte ich entschieden?“, oder „hätte ich nicht auch dieses Projekt propagiert und beantragt?“. Der Vorstand berichtete in Göttingen der DMG-Mitgliederversammlung von dieser Tagung. Die Vorträge sollen in Kürze in verschriftlichter Form publiziert und auf der DMG-Homepage sichtbar gemacht werden.
Im Sommer 2025 beschäftigte die DMG außerdem einen Praktikanten, Herrn Stephan Grevel, Student der Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln. Er erarbeitete eine Werkvertragsausschreibung zur Durchführung einer historischen Vorstudie, sichtete (zumindest stichprobenhaft) Bestände in diversen Archiven und erstellte eine Bibliographie relevanter Zeitschriften und Quellen. Bei dieser Arbeit wurde er dankenswerterweise von Rüdiger Hachtmann und Angela Strauß unterstützt.
Vorstand und Beirat haben einen Betrag von 60.000 € für das Projekt „Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der DMG“ bewilligt. Hiervon wurde bereits die Tagung in Bielefeld bezuschusst und der Praktikant bezahlt. Ein größerer Teil des Geldes soll nun dafür verwendet werden, eine Vorstudie zu finanzieren, deren Ziel es ist, innerhalb der nächsten Monate einen Forschungsantrag für das eigentliche Projekt auszuarbeiten und auf den Weg zu bringen. Bei diesem Projekt soll die institutionelle Verflechtung der Mineralogie als wissenschaftlicher Disziplin mit der Wissenschafts-, Wirtschafts- und Politiklandschaft Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit besonderem Fokus auf den Nationalsozialismus untersucht werden. Welche Rolle spielten dabei einzelne Mineralogen und die DMG? Wie beteiligte sich die mineralogische Wissenschaft am Streben nach Autarkie, an Ressourcenausbeutung, an den Kriegshandlungen im Zweiten Weltkrieg sowie an den Verbrechen der Nationalsozialisten?
Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Ausgabe von GMIT wird die Ausschreibungsfrist für diese Werkvertrags-Stelle abgelaufen sein und wir werden uns sicherlich für eine exzellente Kandidatin oder einen exzellenten Kandidaten entschieden haben, damit unser Projekt professionell und mit Elan vorangetrieben werden kann. Ich werde weiterhin berichten.
Euer/Ihr
Horst Marschall