Meteoriten-Konferenz im Ries-Krater:
Third International Conference on Large Meteorite Impacts
Experten treffen sich im größten zugänglichen Krater
5. - 7. August 2003, Nördlingen

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Die Meteoriten-Konfernz findet nur etwa alle fünf Jahre statt. Für 2003 wurde erstmalig ein Konfernzort außerhalb von Nordamerika gewählt. Nördlingen im Ries war für diese Großveranstaltung besonders gut geeignet. Der Rieskrater mit der Stadt Nördlingen fast genau im Mittelpunkt ist mit ungefähr 24 km Durchmesser der weltweit größte, von Menschen bewohnte Meteoritenkrater.

Die Konferenz
Veranstaltet wurde die Konferenz vom 'Lunar and Planetary Institute' Houston, TX, USA und diesmal auch von wissenschaftlichen Instituten in Deutschland, wie zum Beispiel der Humboldt-Universität in Berlin und natürlich dem Rieskrater-Museum in Nördlingen. Die Humboldt-Universität hat ihre Außenstelle für Meteoritenforschung, das ZERIN (ZEntrum für Rieskrater- und Impaktforschung Nördlingen) in Nördlingen. Das Rieskrater-Museum, das einzige Meteoritenkrater-Museum weltweit, wird von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und von der Stadt Nördlingen verwaltet.
In den etwa 60 Vorträgen und 50 Poster-Sessions wurden an drei Tagen die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten sechs Jahre von den Fachexperten vorgetragen und diskutiert. Für die Poster-Sessions wurde das mehr als 600-jährige historischen Rathausgewölbe ausgewählt. In umfangreichen Exkursionen zu den offenen Fundstellen im Ries und im benachbarten Steinheimer Becken (kleiner Meteoritenkrater) vor und nach der Konferenz konnten die Forscher ihre Forschungsobjekte mit Händen greifen und zur weiteren Untersuchung in ihre Labors mitnehmen.
Besonders aktuell waren die Vorträge über den Chicxulub-Krater, tief unter der mexikanischen Erde und der Karibik. Dort wurden erst vor einem Jahr die Forschungsbohrungen abgeschlossen. Der Meteorit, der diesen Krater schuf, gilt als Ursache für das Aussterben der Dinosaurier und für den Tod von etwa 70 Prozent aller Lebewesen vor etwa 65 Millionen Jahren. Der Chicxulub-Krater mit einem Durchmesser zwischen 170 km und 200 km ist der drittgrößte bisher auf der Erde gefundene Meteoriten-Krater. Als ein möglicher Beweis für Chicxulub als Meteoritenkrater gilt die auffällige Anhäufung von Iridium an der K-T-Grenze (Kreide-Tertiär-Zeit-Grenze). Iridium ist auf der Erde sehr selten und hauptsächlich im Erdkern vorhanden. Viele Meteoriten enthalten einen großen Anteil an Iridium. Die Größe des für den Chicxulub-Kraters verantwortlichen Meteoriten reicht aus, die Iri­dium-Anomalie an der K-T-Grenze zu erklären.

Zwei amerikanische Forscher glauben vor der Küste von Maine, im Nordosten der USA, einen zweiten Krater gefunden zu haben, der zusammen mit Chicxulub für das Aussterben der Dinosaurier verantwortlich sein könnte. Bisher ist nur eine Magnet-Anomalie nachgewiesen. Mögliche Gesteinsveränderungen konnten noch nicht gefunden und datiert werden. Meteoriten bestehen meist aus eisenhaltiger Masse und können daher örtlich das Magnetfeld verändern.
Jedes Jahr werden etwa zehn Kandidaten als mögliche Meteoritenkrater angemeldet. Von der Fachwelt akzeptiert werden dagegen meist nur etwa zwei bis drei pro Jahr. Von Sibirien bis Neuseeland, von Ghana bis China und in den beiden Amerikas ist das Krater-Fieber ausgebrochen. Jede Schwerkraft- oder Magnet-Anomalie, vor allem wenn sie kreisförmig erscheint, wird sofort zum möglichen Meteoritenkrater erklärt. Die Ursache für eine Schwerkraft-Anomalie sind oft das nach dem Einschlag zurückfallende leichte Geröll und die später eingeschwemmten leichten Ablagerungen. An diesen Stellen ist also die Schwerkraft geringer als über kompaktem Urgestein.
Viel diskutiert werden die Risiken, wann wieder einmal ein richtig großer Impakt-Körper auf die Erde stürzt. Täglich fallen etwa 50 Tonnen Material 'vom Himmel'. Das ist meistens Staub. Allerdings werden in jedem Jahr etwa acht bis zehn Meteoriten mit einem Durchmesser von wenigen Zentimetern bis 5 Meter als Einschläge auf der Erde registriert. Ein großer Körper von etwa einem Kilometer Durchmesser (wie der Ries-Meteorit) oder mehr, sollte nur etwa einmal in einer Million Jahren die Erde treffen, wie Prof. Dieter Stöffler (Humboldt-Universität) auf der Konferenz erklärte.
Unter http://www.lpi.usra.edu/meetings/Largeimpacts2003/abstractvolume.html kann man sich auch im Internet noch mit der Konferenz beschäftigen.
Sehr viele junge Geologie- und Meteoritenforscher kamen zusätzlich zu den Experten zu dieser Konferenz, weil sie im Ries 'kostenlos' interessante Gesteine untersuchen und mitnehmen konnten. Bei allen anderen Großkratern sind die Wissenschaftler darauf angewiesen, dass im Rahmen von Versuchsbohrungen (Suche nach Erdöl, Erdgas oder Mineralien) herausgebohrtes Material für ihre Untersuchungen übrig bleibt.

Der Konferenzort
Der Konferenzort war sehr sorgfältig gewählt. Das Ries ist der besterforschte große Meteoriten-Krater weltweit. Im Ries kann jedermann Meteoritengestein direkt vom Boden aufheben und mitnehmen. In diversen Steinbrüchen kann man auch noch unterschiedliche Schichtungen sehen. Andere bekannte Krater, so zum Beispiel Chicxulub in Mexico (Yucatan-Halbinsel) verbirgt sich unter einer etwa 1000 Meter dicken Gesteinsschicht. Außerdem ist nur eine Hälfte davon 'unter' dem Land, die andere Hälfte wird vom Wasser des Golf von Mexico überdeckt. Chicxulub ist besonders bedeutsam, weil der Impakt dort vor etwa 65 Millionen Jahren nach heutigem Forschungsstand direkt für das Aussterben der Dinosaurier verantwortlich ist.
Das Rieskrater-Museum innerhalb der Stadtmauer ist in einem historischen Gebäude aus dem späten Mittelalter untergebracht. Das Museum gilt unabhängig von seinem Inhalt als Musterbeispiel für ein pädagogisch besonders gut gestaltetes Museum. Das Museum beherbergt den einzigen 'echten' Mondstein, der außerhalb der USA öffentlich zugänglich ist. Es ist ein Geschenk der amerikanischen Astronauten von Apollo 14 und 17, die 1970 vor ihrem Flug zum Mond im Rieskrater unter Anleitung von Geologen im 'Field-Training' gelernt haben, das 'richtige' Mondgestein auszusuchen, um es dann vom Mond, der ja fast nur aus Impakt-Kratern besteht, zurückzubringen. Inzwischen ist auch der faustgroße 'Neuschwanstein'-Metorit im Rieskrater-Museum zu sehen. Dieser faustgroße Meteorit fiel, von Experten und Medien viel beachtet im April 2002 in der Nähe des Märchenschlosses auf die Erde. Das Rieskrater-Museum ist jetzt der passende Ausstellungsort für dieses Meteoriten-Bruchstück.
Im übernächsten Gebäude ist das ZERIN als Außenstelle der Humboldt-Universität Berlin ebenfalls in einem historisch bedeutsamen Gebäude (Reihl'sches Haus) unterge­bracht. Dort arbeiten auch Gastforscher aus aller Welt mit sehr komplexen Instrumenten an der Erforschung von Bohrkernen aus dem Ries, die bis in eine Tiefe von 1200 Meter reichen. Die Bohrung wurde im Jahre 1973 nahe dem Zentrum des Rieskraters durchgeführt. Die Konferenz selbst fand im Stadtsaal 'Klösterle' etwa 100 Meter entfernt von ZERIN und Kratermuseum statt. Dieses ehemalige Klostergebäude bietet genügend Platz für derartige Großveranstaltungen.
Die gotische St.-Georgs-Kirche in Nördlingen mit Ihrem prägnanten Turm, 'Daniel' genannt, ist nicht nur eine der größten gotischen Kirchen in Deutschland, sondern auch von besonderem Interesse für die Impaktforscher. Die Kirche und der Turm sind komplett aus Suevit-Gestein erbaut. Dieses durch den Impakt entstandene Gestein hat seinen Namen Suevit (Schwabenstein) erhalten, weil es im schwäbischen Ries erstmals wissenschaftlich erforscht und definiert wurde. Dieses Gestein enthält aufgrund seiner Entstehung unter extrem hohem Druck auch winzigste Diamantpartikel, wie in vielen Untersuchungen wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Es wird geschätzt, dass das Gestein der St.-Georgs-Kirche zwischen 500 Gramm und 1000 Gramm Diamantsplitter enthält. Somit ist dies vermutlich das einzige öffentliche Gebäude weltweit, das mit Diamantgestein erbaut wurde. Diese Diamanten sind allerdings so winzig, dass sie auch nicht für Industriezwecke geeignet sind. Bisher hat auf jeden Fall niemand auf der Suche nach Diamanten heimlich in der Nacht mit der Spitzhacke Teile der Kirchenmauer abgeschlagen.

Die Umgebung
Das Ries ist mit seinen zahlreichen Steinbrüchen und dem dort abgebauten Suevit sowie den 'Bunten Breccien' ein ideales Gebiet für Meteoritenforscher und Geologen. Die fast kreisrunde Kraterform ist auch heute, 15 Millionen Jahre nach dem Meteorit-Einschlag, für jedermann erkennbar. Die Romantische Straße (B25), Deutschlands älteste und bekannteste Touristikstraße, verläuft direkt durch das Ries und durch Nördlingen. Andere Bundesstraßen beginnen dort (B29 nach Stuttgart) oder führen durch das Ries (B466 Nürnberg-Ulm).
Vor einigen Jahren wurde der Planetenweg als Geologie-/Meteoriten-Weg angelegt. Wird das Sonnensystem im Maßstab 1:400 Millionen verkleinert, dann passt es genau in den Rieskrater. Die Sonne ist die vergoldete Kugel auf der Spitze des Daniel (Turm der St.-Georgs Kirche). Die Erde hat in diesem Maßstab ihre Bahn fast genau entlang der voll­ständig erhaltenen und überdachten Stadtmauer, und der Planet Pluto kreist am Riesrand entlang um die Sonne. Der Planetenweg ist gut ausgeschildert. An jeder Planeten- und Asteroidenbahn sind Stelen mit detaillierten Informationen über die entsprechenden Himmelskörper untergebracht.
Das Ries fliegt auch im Weltall. Der kleine Planet '4327 Ries' im Asteroidengürtel bewegt sich mit anderen Asteroiden in etwa 2,2 AE bis 3,3 AE (1 AE = 149,6 Millionen km) Abstand im Uhrzeigersinn um die Sonne.

Nach der Konferenz
Im Ries kann sowohl der Wissenschaftler als auch der interessierte Laie vielfältige und auf der Erde einmalige Sehenswürdigkeiten ansehen, untersuchen und einige auch mitnehmen. Die Forscher und Veranstalter am LPI (Lunar and Planetary Institute) haben sich also offensichtlich für einen besonders gut geeigneten Konferenzort entschieden. Die anderen möglichen Konferenz-Krater-Orte sind meist an unbewohnten, schwer zugänglichen Stellen in der kanadischen Tundra, in Sibirien, im Urwald von Ghana oder im Golf von Mexiko. Nirgendwo, außer im Ries oder auf dem Mond, kann der Wissenschaftler Forschungsmaterial (Gesteinsproben) mit oder ohne Hilfe eines Geologen-Hämmerchens so einfach von der Erde auflesen und das im Ries in einer historisch-geologischen Urlaubsgegend mitten im südlichen Deutschland.


Hermann Strass, Nördlingen
TechCon.HStrass@t-online.de


Druck- und Temperaturverhältnisse bei der Entstehung des Rieskraters vor etwa 15 Mio Jahren.
Quelle: H.-P. Jäger, Online-Lexikon der Astronomie